TheAdorationoftheKings_2021s

Das Verhältnis von Kunst und Religion

In diesem Newsletter beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Kunst und Religion. Dazu muss ich gleich zu Beginn eingestehen, dass ich mit diesem Vorhaben in seiner Gänze nur scheitern kann. Einerseits durchzieht die Thematik die gesamte Menschheitsgeschichte und andererseits ist der mir zur Verfügung stehende Rahmen eines Newsletters dafür zu klein. Nur die Beschränkung auf wesentliche Positionen und dann möglichst solche, die weniger bekannt sind, kann hier zu einer vertretbaren Darstellung führen. Dazu bitte ich meine Leser um Verständnis.

Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus der Tatsache, dass Religion und Kunst sehr viel Gemeinsames und Überschneidendes haben, welches sich aus ihren Wurzeln ergibt. Beide ergreifen die Menschen in ein und demselben Bemühen: etwas vom Unsichtbaren ins Sichtbare zu transformieren. Ist es in der Religion das Göttliche, welchem die Menschen durch Glaubensrituale Sichtbarkeit auf Erden geben wollen, so ist es in der Kunst die Idee, das Ideelle, beispielsweise das Schöne, welches sie in einer Form Gestalt geben wollen. Dieses Verbindende zeigt sich darin, dass im Beginne fast aller uns bekannten großen Kulturen im weitesten Sinne stets Tempelbauten stehen. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt: der Wille zur Form, die Kunstkraft des Menschen äußert sich zuallererst in Tempelbauten als Abbild ihrer geistigen Heimat. Der Mensch und sein Tempel! Daraus resultiert wiederum, dass die Architektur zur Mutter aller Künste wurde. Sie ist eine Verbindung zwischen Mensch und dem Kosmos, gleichsam eine unmittelbare Begegnung mit den Elementen und ein sich Hineinstellen in die Kräfte des Alls. Die Architektur ist Ausdruck des Verhältnisses des Menschen zum Kosmos, zur Quelle, aus der alles fließt und genau deshalb wurde sie die Mutter der Künste. Sie ist jedoch auch immer Ausdruck des Volkstums, der Eigenart eines Volkes. Sie drückt ein gemeinschaftsbezogenes Lebensgefühl aus. In der Christenheit bildet sie den Raum für die Gemeinschaft der Gläubigen, welche durch Gebet und Gesang ihren Gott in ihre Mitte rufen, denn in einer christlichen Kirche ist Gott nicht anwesend. Er muss verinnerlicht gebeten werden.

Hierzu ein Hinweis auf die Musik Johann Sebastian Bachs (1685-1750), die kosmologisch orientiert ist. Wenn Bach für den Gottesdienst komponierte, war dies für ihn eine Form des Betens zu Gott. Das sollte sich nach ihm vor allem durch seine Söhne deutlich ändern. In Bach lebte nicht ein Bewusstsein davon, ein Künstler zu sein, sondern ein Handwerker Gottes. Ein Verständnis, welches ihn bei der Erschaffung seiner Passionen stets begleitete. Den Komponisten der „Wiener Ersten Moderne“, welches die Musik der Aufklärung war, die Klassiker wie Haydn, Mozart, Beethoven, war die Verbindung zur Religion selbstverständlich ein Mittel, den Menschen das Leben Jesu in Messen, Oratorien und Requien nahe zu bringen. Mit den rein geistigen Mitteln der Musik war das wunderbar möglich. Ganz generell hielt das Verhältnis von Musik zur Religion viel länger als in den anderen Künsten, bis heute.

Ein weiteres beeindruckendes Beispiel aus der Architektur, wie die Zweckmäßigkeit, welche stets der Architektur inne wohnt, zur Kunst gewandelt werden kann: das Freiburger Münster! Über der Vorhalle erhebt sich der Turm, welcher deshalb größte Berühmtheit erhielt, weil er von einem durchbrochenen Turmhelm gedeckt ist. Dieser ist nicht einfach nur ein Dach. Hier verliert der Stein seine Schwere, er ist „durchlöchert“ und „entmaterialisiert“ und wird dadurch zu einer Schwingung, leicht und frei, die eine ganze Stadt himmelwärts zur Sonne und Wolken trägt. Hier ist der Verbindung zwischen der Kunstkraft der Menschen und der Hinwendung zum Göttlichen Ausdruck gegeben worden. Im Jahre 1869 bezeichnete der Basler Kunsthistoriker Jakob Burkhardt (1818-1897) den 116m hohen Turm im Vergleich mit den Türmen von Basel und Strasbourg: „… und Freiburg wird wohl der schönste Turm auf Erden bleiben.“ Ein architektonisches Meisterwerk.

Freiburger Münster Turmhelm
Quelle: „Das Freiburger Münster“ Fotographie von Karl-Heinz Raach, Foto-Edition-Raach, Sölden

Der Tempel ist das Werk des Menschen, eigentlich sein ureigenstes Kunstwerk. Damit ist der Mensch nicht mehr nur ein Glied und Werk eines höheren Wesens, das durch ihn wirksam ist. Durch den Tempelbau gibt er Kunde von sich selbst in Form einer Selbstentäußerung. Er tritt in die Welt und gibt ihr Formen, die aus ihm selbst entwickelt sind. Aus seinem Werk tritt er sich selbst entgegen. Eine Reflexion zu der nur der Mensch fähig ist.

Begab ich mich mit dem Beispiel des Freiburger Münsters vornehmlich in die Zeit der Gotik (ca. 1200-1500 nach Christus), dann gehe ich nun zu den Anfängen vorrangig unserer europäischen Kultur zurück. Diese Anfänge liegen erstaunlicherweise nicht in Europa, sondern in Mesopotamien, dem heutigen Irak und danach vor allem in Ägypten. Die großen Kulturen des Zweistromlandes, Sumer, Babylon und Assyrien entwickelten als Grundlage die Keilschrift und nur unwesentlich später entwickelten die Ägypter die Hieroglyphen, eine Bilderschrift, welche die dann fast 4000 Jahre währende ägyptische Kultur prägt.

Die gewaltigsten Architekturen des Zweistromlandes bildeten Tempel in Form eines Zikkurats. Es sind in der Regel sich um einen Berg empor stufende Heiligtümer ohne Innenräume. Sie wirken pyramidal, sind jedoch nur Treppenbauten, die nach oben zum Himmel führen. Ganz oben auf dem Bauwerk setzte man einen Raum, ein im Vergleich zum gewaltigen Bauwerk kleines Heiligtum, in dem das „Heilige Mahl“ und die „Vermählung mit der Gottheit“ gefeiert wurden.

Zikkurat von Babylon nach einer Rekonstruktion von Hansjörg Schmid, SPK Berlin
Quelle: conservarium.de

In der Tempelarchitektur Ägyptens wiederum spielte sich das genaue Gegenteil ab: die ägyptische Pyramide ist nach außen geschlossen durch flächenspiegelnde glatte Steinplatten. Sie hat Innenräume und tiefe Gänge, die zum Teil nach ihrer Errichtung wieder geschlossen wurden. Diese inneren Gänge übernehmen förmlich die Außentreppen des Zikkurat. Die weiten Torbögen des Zikkurat, welche den Weg nach oben freigeben, werden in der ägyptischen Architektur abgelöst von im Vergleich zur Größe des Tempels viel kleineren Öffnungen, welche nicht nach oben, sondern geradewegs in die Erde hinein führen. Dort ist es dunkel, keine Öffnungen zum Außenlicht. Der Tod, welcher als eine Verbindung zwischen Menschen und Göttern erlebt wird, findet hier seinen Ausdruck. Dieser Tod und die sich danach öffnende nachtodliche Welt, welche die Menschen in die Hierarchie der Götter zurückbringt, ist die eigentliche Lebenswelt der Ägypter. Nicht das Hier sondern das Drüben. Der Ägypter erlebte und errichtete die Idee von Räumen, und vor allem den Wechsel von Innen- und Außenräumen, so wie wir Menschen atmen. Zu den Monumentalbauten der Tempel entwickelten sie Monumentalplastiken. Ihnen steht man gegenüber und es steigt die Frage auf: warum schweigst du so monumental? Für die weitere Entwicklung der europäischen Kunst erhielt die Frage nach dem Raum ihre entscheidende Bedeutung.

Der Raum der nachtodlichen Welt wurde in der ägyptischen Kultur, in Architektur und vor allem in der Dichtung gestaltet. Das Grundbewusstsein dieser Kultur bestimmte das Leben der Menschen für die Dauer von ca. 4000 Jahren, doppelt so lang, wie die unsere von 2000 Jahren nach Christus besteht. Auf diese Zeiträume, deren sich man bewusst sein muss, will ich hinweisen, um so das Kultur- und Kunstschaffen der Menschen kennen und verstehen zu lernen, beziehungsweise die jeweils überkommenen Formen zu beachten und zwar bis heute! Zukunft braucht Herkunft.

Grundzüge des Christentums beispielsweise lassen sich auf ägyptisches Denken zurück verfolgen. Auf nur einen möchte ich jetzt näher eingehen.

Für unsere Zeit und Gesellschaft ist es sicherlich undenkbar, dass an der Spitze eines Staates ein Künstler das Geschehen bestimmt. Leider! Man kann alle möglichen Gründe dafür benennen, doch eines kann nicht geleugnet werden: es war tatsächlich einmal möglich, das 4000 Jahre ein Künstler erfolgreich die größte Weltkultur anführte, nämlich der Gott Ptah, der „Bildner“, und „Architekt“ in Ägypten. Er steht für ein ganz bedeutsames Zeugnis des Verhältnises von Kunst und Religion und zwar bis in unsere Tage hinein. Es ist selbstverständlich, dass eine solche große Kultur bis heute prägend wirkt.

Stucco relief of Ptah holding a staff that bears the combined ankh and djed symbols, Late Period or Ptolemaic Dynasty, 4th to 3rd century BC
Quelle: Wikipedia

Ptah war ein Schöpfergott. Er hat sich aus sich selbst geschaffen, das heisst, aus seinem Selbst wurde er sich selbstschöpferisch bildend. Bis heute ist die Fähigkeit zum selbstschöpferischen Tun die entscheidende Grundlage für eine künstlerische Existenz.

Das alles mag für uns Menschen der Gegenwart nach einem Mythos klingen. Ich will das auch gar nicht abtun. Aber doch hierzu folgendes anmerken: Vorsicht gegenüber dem alleinigen Verständnis von Mythos nur als eine Form der Erzählung. Es zeigte sich immer wieder, wie sich aus ihm plötzlich Realitäten für die Lebenswirklichkeit von uns Menschen offenbarten.

Ptah ist einer der Hauptgötter der altägyptischen Religion. Sein Heiligtum war Memphis, südlich von Kairo, welches über lange Zeiträume der pharaonischen Geschichte erste königliche Residenz war. Obwohl Ptah eine zentralle Rolle in der Hierarchie der Götter spielte, wurde er nie der oberste Reichsgott und stand deshalb meist in zweiter Reihe hinter den Göttern Re, Osiris und Amun. Ich erwähne dies nur deshalb, weil die Letztgenannten allgemein bekannter sind als Ptah. Doch für die Kunst, für mein Thema, kommt es auf ihn an.

Da es in Ägypten das Prinzip einer einheitlichen für alle verbindlichen Religion nicht gab, wurde Ptah in Memphis zum obersten Schöpfergott und zum Herrscher über alle Götter. Sein Werk memphilistischer Theologie ist bis heute eine der wichtigsten theologischen Texte des alten Ägyptens zu den Themen Kosmogonie und Theogonie, also der Erschaffung der Welt und der Götter. Deshalb trug er den Beinamen „Vater der Götter, von dem alles Leben ausgeht“. Die ihm zugeordneten Schöpferorgane sind Herz und Zunge. Er sprach die immer aus dem Herzen gebildeten Gedanken laut aus und er schuf so das Universum, den Kosmos und die Welt. (Paul Klee: der Künstler muss aus dem Herzen der Dinge gestalten!) Ptah schuf auch alles andere durch die Macht der Worte. Dadurch, dass er die Namen von Mensch und Tier laut aussprach, schuf er die Welt. Er wurde der geistige Schöpfer der Welt aus der lebensspendenden Kraft des Wortes: das Urwort, dessen Klang wie der einer Glocke die gesamte ägyptische Kultur ewiglich und monumental durchtönte.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel bei Johannes steht geschrieben: „Im Urbeginne war das Wort“. Lebenspendende Sprache als formende gestaltbildende Kraft für die Errichtung der Welt. Eine Kunstkraft zur Religion!

In seiner Eigenart als Künstler, beziehungsweise Bildner wurde Ptah im viel späteren Griechenland der Ptolemmäer (600-50 v. Christus) mit dem griechischen Gott Hephaistos verbunden, welcher für das gesamte künstlerische Spektrum der Metallbearbeitung das Vorbild abgab, wie auch zur sakral- rituellen Gegenständen. Er war der Gatte der schönen Aphrodite, obwohl er ein Krüppel war und als hässlich galt.

An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, worauf ich zu Beginn hinwies, dass ich bei diesem übergroßen Thema nur einige mir bedeutsam erscheinende Positionen behandeln kann. Eine solche möchte ich anknüpfen an das, was ich über den Gottkünstler Ptah schrieb.

Wie ein roter Faden zieht sich die gern auch hämisch gestellte Frage während der Weihnachtszeit: „Wie kann Maria, eine Jungfrau, ein Kind zur Welt bringen, hat sie doch nie einen Mann gesehen“. Eine typisch für unsere Zeit rein aus einem biologisch orientierten Menschenbild gestellte Frage. Dem steht gegenüber, worüber ich vorher schrieb, dass sich Leben aus seinem „Selbst“ hervorbringt wie der Gott Ptah, oder das laut gesprochene Wort  lebensspendend wirkt. Im Urbeginne war das Wort und nicht die Biologie.

Verkündigung an Maria
Meister (Oberreinischer) ca. 1440/50
Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur

In den Darstellungen mittelalterlicher Tafelbilder wird die Verkündigung an Maria, dass sie als Jungfrau einen Sohn gebären werde, stets mindestens von einem Spruchband geschmückt mit den verheißenden Worten des Engels Gabriel. Gar nicht selten gelangt aber auch eine noch sehr viel direktere Form zur Darstellung, indem ein Buch (Bibel?) durch die Luft auf Maria zufliegt, um sie mit dem lebenspendenden Wort zu berühren und auch zu befruchten. Hier finden wir ein ganz beeindruckendes Beispiel für Transformation innerhalb der Kunst und Religion.

Ehrlicherweise müssen wir doch heute folgendes zugeben: es geht um die Tatsache, dass wir trotz aller Wissenschaft und modernster Forschung überhaupt nichts darüber wissen, wie ein Stück Materie beschaffen sein muss, damit ein sich selbst bewusst seiendes Wesen diese Materie aus sich selbst heraus bewegen und reflektieren kann, wie es jeder Mensch mit Leib und Seele tut. Was da geschieht, ist das eigentliche Geheimnis des Lebendigen. Und daran rührt das Werden und Wirken des altägyptischen Gottes Ptah.

Die Kunst der Malerei hatte sich bereits im 14 Jahrhundert vorrangig in Nordeuropa als Dienerin der Architektur in Form von Wandmalereien in den Domen und Kathedralen gelöst und die Form des Tafelbildes als eigenständiges Werkstück entwickelt. Besondere Bedeutung erlangten die osteuropäsischen Ikonenmalereien. Diesem Bestreben nach Selbstständigkeit in der Malerei folgten auch die Bildhauerei und dann die Musik.

Den Räumen der Kirchenarchitektur wurden durch Guido von Arezzo (992-1050) erfundene musikalische Notationen in seinem Antiphonarium Klangcharakter verliehen.  Er setzte die Notationen auf vier Linien zum Klang des Gregorianischen Gesangs, in der dieser Gesang bis heute überdauerte: do re mi fa so la ti do. Wenn Menschen für das göttlich Erhabene die Worte fehlen, bricht ihre Stimme in Gesang aus! Die Musik als geistigste Verbindung von Kunst und Religion.

Auf eine gewisse Unkorrektheit in meinen Erklärungen muss ich jetzt hinweisen, welche, so paradox es klingen mag, sich leider nicht so einfach vermeiden lässt und zwar aus wissenschaftlicher Tradition heraus. Es geht um den Begriff „Kunst“. So wie wir ihn heute verstehen und verwenden, gibt es ihn erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Immanuel Kant (1724-1804) entwarf in seiner Philosophie der Aufklärung den sogenannten „autonomen Bürger“ als einen freien Menschen, welcher durch nichts zu bevormunden sei, schon gar nicht durch Religion. Die bisherige theokratische hingenommene Bevormundung sollte beendet sein für den nach einem selbstständigen Leben Strebenden. Erst ein solcher autonomer Bürger könne einer autonomen Kunst deren absolute Freiheit geben und verstehen. Alles dasjenige, was bis dahin geschaffen worden sei, entspringe einem Regelwerk, also einer Bevormundung und könne deshalb keine freie und daher wahre Kunst sein. Das ist zugegebener Massen eine steile These, um die es naturgemäß unendliche Debatten bis heute gab und gibt und die meiner Meinung nach zwar richtig ist, jedoch in ihrem Blick auf die Entwicklung der Kunst überzogen erscheint, weil sie der bis dahin entstandene Kunst nicht gerecht wird.

Für mein Thema, das Verhältnis von Kunst und Religion, ist es jedoch insofern relevant, da in der Tat seit dieser Zeit die Kirche als Auftraggeber der Künstler wegfiel. Dieser Tatsache ist ebenso der Französischen Revolution geschuldet. Die in dieser Zeit tätigen „Nazarener“ welche die religiöse Kunst des Mittelalters wiederbeleben wollten, finde ich nicht erwähnenswert. Es ist reine Programmkunst.

Mit dem Verlust der Metaphysik gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet auch die Religion in eine existenziell immer schwieriger werdende Lage. Denke man nur an die inneren Kämpfe und Handlungen des Malers Vincent van Gogh (1853-1890) im beginnenden Industriezeitalter die christliche Botschaft der Brüderlichkeit unter die Menschen zu bringen. Wie ich weiss, ist er der einzige Künstler, welcher die Bibel in Form eines Stilllebens gemalt hat.

Geradezu schmerzhaft fasst später der Maler Franz Marc (1880-1916) den Zustand im Jahre 1912 in folgende Worte: „Was über mich mögen die Menschen alles dabei denken, wenn sie meine Bilder sehen! Es quält mich, dass keines so klar ist, dass man meinen Wunsch unzweideutig lesen kann, den Wunsch zur Religion, die nicht da ist.“

Für eine Loslösung der Kunst von der Religion, beziehungsweise für die Trennung der Religion von der Kunst, die beide einander nicht bedürfen, gibt es ein älteres Beispiel: die Bilderstürmer, der sogenannte Ikonoklasmus. Man versteht darunter die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler von religiöser Relevanz. Es zeigt sich darin auch ein Ausdruck von Bilderfurcht in einer Religion und gehört somit ebenfalls zum Verhältnis von Kunst und Religion. Das bedeutendste Ereignis hierzu begann mit der Begründung des Zisterzienserordens und dem Mönch Bernhard von Clairvaux ab dem Jahre 1112. In Besinnung darauf, dass ein Mönch dem weltlichen Reichtum und Glanz zu entsagen habe, betrieb er die Bildlosigkeit und die Entfernung jeglichen Schmucks in den Gotteshäusern. Selbst den zahlreichen neugegründeten Klöstern versagte er die Errichtung eines Kirchturmes, weil es dessen für ein verinnerlichtes Leben nicht bedürfe.

Die Verbindung der Kunst zur Religion geschieht in der Moderne und der Gegenwartskunst entweder als programmierter Symbolismus und Spiritualismus oder zu Propagandazwecken, wie es beispielsweise Joseph Beuys (1921-1986) allerbestens beherrschte. Als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie wurde er dafür Ende der 1960er Jahre von dessen Rektor, Norbert Kricke, polemisch kritisiert: er warf ihm ein „messianistisches Auftreten“ und „Jesus Kitsch“ vor.

Joseph Beuys, 1964 Beuys mit gehobener Hand und Kreuz
Quelle: Fine Arts Library Image Collection

Hier benutzt Beuys die Wirkung mit Blut befleckt zu sein. In Wirklichkeit wurde er von einer geworfenen Tomate getroffen. Der stramme Hitlergruss entspringt bei ihm als einer, welcher lebenslang erwiesenermaßen ein überzeugter Nationalsozialist blieb.

Interessant für uns wird bleiben, ob es wieder zu einem fundierten Verhältnis von Kunst und Religion kommen wird, zumal nicht wenige Künstler religiöse Themen aufgreifen, doch jeweils nur als Bildidee aus dem Fundus vergangener Epochen. Warten wir‘s ab, denn dazu müsste der Mensch in seiner geistigen Konstitution wieder mehr in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins gerückt werden. Dieses ist seit langem besetzt vom rein Ökonomischen- und Konsumdenken. Materialistischer geht es wohl nicht…

Martin Rabe, „Glaube, Liebe, Hoffnung“
(der Brief des Apostels Paulus an die Korinther)
2010/2020, Gemälde in Öl auf Leinwand, 96x56cm

Hierzu ein Vers des Dichters Rainer Maria Rilke.

Nur manchmal
während wir so schmerzhaft reifen,
dass wir an diesem beinahe sterben,
dann –
dann formt sich aus allem,
was wir nicht begreifen
ein Angesicht
und sieht uns strahlend an.